PROZESS No 7

Werke von Michael Ruglio-Misurell, Sandra Becker und Alexander Wolf

Eröffnung: 12 – 16 Uhr am 23. Oktober 2010

Ausstellungsdauer: 27. Oktober bis 12. November 2010

7. Eröffnungsrede

Liebe Freunde,

die Sommerpause ist nun vorbei, und wir eröffnen hier nun heute die 7. Ausstellung der Prozessgalerie. Schön, dass ihr wieder alle gekommen seid.

Kunst kann sich unterschiedliche Ziele setzen. Eines dieser Ziele ist häufig, den Finger in die Wunde zu legen, der Stachel im Fleisch zu sein. So möchte der Künstler besonders heutzutage oft auf Missstände aufmerksam machen, sei es im Privaten, Sozialen, oder sonstigen gesellschaftlichen Feldern, globaler Klimaveränderung, und, und, und, …

So trifft man im Kunstbetrieb immer wieder Werke an, wo der Eindruck entsteht, beispielsweise soziologische Studien wären eher wie ein modernes Readymade zur Kunst erhoben worden. Dies hat sicher seine Berechtigung. Dennoch habe ich hier in der Regel den Eindruck, dass solch eine Kunst der gesellschaftlichen Entwicklung eher hinterherhinkt, als dass sie diese vorantreiben würde. Ganz oft werden hier lediglich Werte aufgegriffen und propagiert, die zuvor bereits in anderen gesellschaftlichen Bereichen, beispielsweise der Wissenschaft längst etabliert sind. Der Künstler bewegt sich also hier gewissermaßen auf sicherem Terrain und seine Kunst ist dann auch nicht viel mehr als ein weiteres meinungsbildendes Medium.

Solch ein künstlerischer Ansatz kann sich bestenfalls gegen den Schein des Spießbürgertums im weiteren Sinne richten – und hat nebenbei bemerkt gute Chancen auf Anerkennung im Markt, da nun niemandem wirklich wehgetan wird. Im Gegenteil: dem aufgeklärten Betrachter wird anerkennend auf die Schulter geklopft und erklärt: Du bist gut so, wie Du bist.

Diese Kunst riskiert nichts – sie verhält sich politisch korrekt.

Ich habe mich lange gefragt, wie kommt es, dass ein Künstler sich damit zufrieden geben kann. Und natürlich kann es eine Vielzahl von Gründen geben, beispielsweise wird das Künstlerische Schaffen heute bei uns in erster Linie als Beruf begriffen – also möglichst dauerhaft und kontinuierlich Geld verdienen, Ruhm und Ehre etc. …

Letztendlich jedoch scheint mir die Antwort tiefer zu liegen. Sie ist mit der Frage nach dem Ursprung der menschlichen Existenz auf das engste verknüpft, ohne den sich der Schöpferische Akt nicht ansatzweise erfassen lässt. Wenn wir als Künstler auf Werte, Moral, ja jegliche externe Referenzen verzichten und dann sogar auch interne Referenzen beiseite lassen – was bleibt dann?

Was bleibt, wenn wir unsere Kontemplation in dieser Weise radikalisieren?

Die Erkenntnis ist gleichermaßen überraschend wie schlüssig: Wenn wir auf jede Referenz im Außen ebenso wie im Innen radikal verzichten, dann bleibt NICHTS
– weder Innen noch Außen, weder Welt noch Ich
– und gleichzeitig ALLES
– INTUITION pur.

Das bedeutet, die Handlung eines solch puren Künstlers ist weder von einem Ich noch von einer Welt oder irgenwelchen Werten gesteuert und seine Haltung könnte man als spontane Hingabe an die jeweilige Notwendigkeit beschreiben.

Nun sind wir Künstler in der Regel keine PUREN Künstler. Aber wir haben die Möglichkeit uns zu entscheiden, in welche Richtung wir gehen möchten. Arbeiten wir mit unserer gesamten Existenz – also nicht nur im Atelier, sondern in der gesamten Lebensplanung – daran, unsere Intuition zu vertiefen, also Werte und Referenzen aufzugeben, uns also der Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit auszuliefern, so nähern wir uns einer Haltung der spontanen Hingabe an die jeweilige Notwendigkeit. Mit anderen Worten, der Intuition entspringt zivilcouragiertes Handeln, einfach weil dies ihre Natur ist.

Entsteht nun dabei auch noch Kunst, so wohnt dieser eine vollkommen andere Kraft inne, als einer Kunst, die wie ich am Anfang der Rede beschrieb, im Konsens der Wertvorstellungen einer Bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung entstanden ist.

Kunst die einer unverstellten Intuition entspringt richtet sich nicht nur gegen den Schein der gesellschaftlichen Konventionen, sondern gegen die Welt der Erscheinungen generell – unabhängig davon, ob sich der Künstler dessen bewusst ist oder nicht.

Mit den Künstlern

Michael Ruglio-Misurell aus New York, der uns diese wunderschöne Installation hier gebaut hat,

Sandra Becker aus Berlin, eine der aller ersten Videokünstlerinnen,

und meinem langjährigen Freund Alexander Wolf,
der mich vor vielen Jahren mit meinen Lichtinstallationen in seiner damaligen Galerie vertreten hat – heute hier mit seinen Fotoarbeiten bei mir –

mit diesen drei Künstlern sind hier Menschen zusammengekommen, die immer wieder mit ihrer gesamten Lebenshaltung und ihrer Kunst ganz nah dran sind – an der unverstellten Intuition.

Ich bin Euch sehr dankbar, dass ihr bereit seid, hier Eure Arbeit zu zeigen. Vielen Dank.

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